Photokina 2010 – Tag 2: Spieglein, Spieglein an der Wand, wer hat den besten Sucher im Land

Auch wenn die digitale Fotografie der Fotobranche in den letzten 10 Jahren ein Absatzhoch nach dem anderen beschert hat, hat die Industrie ein Problem. Mit „normalen“ Kameras verdient man nichts mehr. Nach ein paar Jahren gab es nur noch bei Bridge- bzw. Superzoomkameras und bei Spiegelreflexkameras interessante Margen. Und nun werden die Bridgekameras von günstigeren Einsteiger-DSLRs bedrängt. Und in diesem Markt verdienen nur Canon und Nikon. Minolta hatte nicht die Mittel, den Kampf gegen die großen Zwei weiter zuführen, so dass Sony, die die Mittel aber kein Objektivbajonett hatten zugriff und die DSLR-Sparte von Minolta aufkaufte. Mit mäßigen Erfolg. Ebenso hat die FourThird-Gruppe um Olympus (Pansonic und Leica) nur einen äußerst geringen Marktanteil erobert. Pentax hatte in den letzten 20 Jahren sowieso nur in der Nische gelebt, in die sich auch Samsung kurzzeitig mit der Übernahme des Pentax-Bajonetts gesellt hat.

Alle mussten lernen, dass es nicht reicht, mit einem Objektivbajonett, einen DSLR-Gehäuse und ein paar Objektiven auf einen Markt zu treten, der von zwei großen Alphatieren bereits aufgeteilt wurde. Es gibt eben keinen einzigen Grund, worum man eine Sony, Olympus, Panasonic oder was auch immer Kamera kaufen sollte. Die können nichts mehr als die von Pendants von Canon und Nikon, haben aber deutlich weniger Systemzubehör. Der Teufel scheißt halt immer auf den größten Haufen.

Also was tun? Das alte Spiel, wenn man nicht mit dem Alten erfolgreich sein kann, muss man sich was neues ausdenken. Eine neue Kameragenaration erlebte mit der Panasonic G1 auf der Photokina 2008 die Geburtsstunde. Das Segment der EVIL (Electronic Viewfinder, interchangeble Lens) doer auch CSC (Comapact System Cameras) wurde geschaffen.

Die Idee: Durch das Weglassen des Spiegelsystems (und zum Teil des Suchers) werden relativ kleine und kompakte Kameras gebaut, die trotzdem durch ihren großen Sensor und der Möglichkeit des Objektivwechsels die Bildqualität und die Flexibilität von digitalen Spiegelreflexkameras haben. Zumindest theoretisch.

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Kompakt?!?

Das Problem: Die Objektive sind nicht sind nicht beliebig verkleinerbar. Besonders, wenn man hochwertige und lichtstarke Objektive haben möchte. Was nützt es, das die Kamera die Größe eine Zigarettenschachtel hat aber das Objektiv das Volumen eines 5 Liter Bierfäßchen mitbringt? Wenn das Ganze dann etwa 20cm vor dem Gesicht balanciert wird, weil die Kamera keinen Sucher sondern nur das rückseitige Display hat, wird die Sache vollends lächerlich.

Überhaupt: Ich bin kein Freund von diesen Kameras, wo man Sucher einfach wegrationalisiert hat. Ich finde es bedeutend einfacher, ein Bild mit der Kamera am Auge zu komponieren als 30cm vor dem Gesicht. Und letztendlich ist die an das Gesicht gedrückte Kamera ein Beitrag gegen Verwacklungsunschärfe. Außerdem komme ich mir immer etwas Blöd vor, wenn ich mit ausgestreckten Armen fotografieren. Eine Kamera braucht einen Sucher und der gehört ans Auge. Punkt.

Mit diesem Arsenal an Vorurteilen, habe ich mir am Stand von Olympus eine E-P2 ausgeliehen, das aktuelle Flagschiff der PEN-Reihe. Zusammen mit einem elektronischem Sucher zum Aufstecken und einem 17 mm 2.8 Pancake-Objektiv. In dieser Zusammenstellung soll das Ganze als Set ca. 1,000 Euro kosten.

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Die Kamera habe ich nur in Blendenvorwahl mit festen, mittigen Autofokus benutzt. Die ganzen Gimmicks wie Motiv-Programme und Art-Filter hab ich mir gar nicht angesehen. Leider habe ich erst sehr spät gemerkt, dass auch der Imagestabilisator nicht eingestellt war.

Erste Überraschung: Der elektronische Sucher ist gar nicht so übel. Natürlich kommt er bei weiten nicht an einen guten optischen Sucher heran, aber er ist dennoch gut nutzbar. Ausreichend groß, sehr hell und bietet als Vorteil gegenüber klassischen Suchern zusätzliche Informationen wie einblendbares Life-Histogramm oder eine elektronische Wasserwaage. Nett ist auch, dass man den Sucher noch oben kippen kann, so dass man Fotos aus der Froschperspektive machen kann. Dies vor allem, weil das Hauptdisplay nicht kippbar ist.

Irritierend ist nur der Umstand, dass der Sucher nach einen Foto das aufgenommene Bild und nicht die Wirklichkeit zeigt. Etwas umständlich ist, dass man zwischen Sucher und Display mit einem Knopf umschalten muss. Ein Sensor der erkennt, wenn man die Kamera ans Auge hält, wäre schöner gewesen. Ein weiterer Nachteil des Suchers: er belegt den Blitzschuh. Man muss sich also zwischen Blitz und Sucher entscheiden.

Die Geschwindigkeit der Kamera bewegt sich im Bereich des erwarteten, sie ist also eher gemächlich. Autofokus, Auslöseverzögerung und sowas ist eher Kompakt als SLR-Klasse. Mit ein bisschen Timing und Vorfokussierung sind auch „Actionfotos“ drin. Aber für Sportveranstaltungen und überall wo es auf Geschwindigkeit ankommt, würde ich eine andere Kamera mitnehmen.

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Die Geschwindigkeit der Kamera bewegt sich im Bereich des erwarteten, sie ist also eher gemächlich. Autofokus, Auslöseverzögerung und sowas ist eher Kompakt als SLR-Klasse. Mit ein bisschen Timing und Vorfokussierung sind auch „Actionfotos“ drin. Aber auf Sportveranstaltungen und überall wo es auf Geschwindigkeit ankommt, würde ich eine andere Kamera mitnehmen.

Die Bedienung der Kamera geht in Ordnung. Die wichtigsten Parameter sind mit den Schaltern und Rädchen einfach und unkompliziert einzustellen. Die E-P2 will offensichtlich den ambitionierten Hobbyisten ansprechen, der gerne alles einstellen kann. Die kleine Schwester (E-PL2, die ich mir nicht so genau angesehen habe) scheint eher auf den typischen Kompaktkameranutzer zugeschnitten zu sein, so dass diverse Einstellungen etwas schwieriger zu machen sind.

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Olympus E-PL1 - Kompaktkameraflair bei der Bedienung

Zu der Bildqualität kann ich nur bedingt etwas sagen. Die Bilder, die ich heute gemacht habe, geben mir zwar einen Anhaltspunkt, aber ein reproduzierbarer Qualitätstest ist es halt nicht.

Die Olympus FourThird-Kameras neigen bekannter massen etwas zum Rauschen, was in den eher dunklen Messehalle natürlich von Nachteil ist.  Auch hatte ich den Eindruck, dass das Objektiv nicht das letzte Quäntschen Schärfe bringt. Ein vergleichbares Foto, dass ich mit meiner 7D und einem hochwertigen Objektiv bei gleicher Blende (4) und gleicher Iso-Zahl (400) wirkte deutlich besser war. Allerdings kostet das Objektiv alleine schon fast das so viel, wie das geliehene Kit aus Kamera, Objektiv und Sucher zusammen. Insofern ist der Vergleich nicht ganz fair. Insgesamt würde ich aber sagen, dass die Bildqualität im Großen und Ganzen in Ordnung geht.

Samsung, Panasonic und Sony haben natürlich vergleichbare Kameras im Sortiment, die aber von der Anmutung nicht ganz so schön Retro sind.

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Samsung NX100

Nach zwei Stunden hat sich meine Meinung zu den neuen kleinen kompakten Systemkameras leicht geändert. Ich denke zwar immer noch, dass ein Aufsteiger aus der Kompaktklasse, der sich dem Hobby Fotografie nun intensiver widmen möchte, mit einer kleinen DSLR immer besser bedient ist. Sie ist schneller und flexibler, hat einen optischen Sucher und man kann seine Objektive und sonstigen Kram weiter nutzen, wenn man später in die nächst höhere Kameraklasse wechseln will. Aber mir würde als 2. Gehäuse die E-P2 mit dem Pancake-Objektiv schon gefallen. Leicht, klein und unauffällig. Man kann auch dann fotografieren, wenn man mit der großen Spiegelreflex auffallen würde. Eine nette Sache für Streetfotografie und als Reportagekamera. Aber ob der Markt für 2.Kameras zu einem Preis von 1.000 Euro groß genug ist, wage ich mal zu bezweifeln. Also wird die Hauptzielgruppe dann doch der ambitionierte Anfänger sein, dem man im Zweifel die E-PL1 mit einem mittelmäßigen Zoomobjektiv verkauft und der dann nach zwei Jahren merkt, dass er systemtechnisch in eine Sackgasse geraten ist.

Was mir als Zweitkamera aber fast noch besser gefallen würde, ist übrigens die neue Fuji Finepix X100. Das ist die Kamera, die die Ingenieure von Leica hätten bauen sollen, als sie die X1 konzipiert haben.

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Festbrennweite mit 23mm Brennweite und Blende 2.0 als größte Öffnung. Herrlich retro mit Zeitenrad und Blendenring. Aber das Beste ist der Sucher. Die Kamera hat tatsächlich einen optischen Sucher (hallo Leica, wo ist der bei der X1?) . Für den Parallaxenausgleich kann ein Leuchtrahmen eingespiegelt werden, den ein verbautes, durchsichtiges LCD beisteuert. Und wenn man kleinen Hebel auf der Vorderseite betätigt, wird mittels dem LCD aus dem optischen Sucher ein vollständig elektronischer Sucher mit durchaus ansprechender Qualität. Das Beste aus zwei Welten.

Leider hatte Fuji auf der Photokina nur einen Prototypen. Fotografieren konnte man damit noch nicht, aber der Hybrid-Sucher funktionierte schon. Wenn nun auch das Objektiv und der Sensor das hält, was der Rest verspricht, wäre die Kamera ein Traum. Ein Traum für 1.500 Euro. Und wenn Fuji jetzt noch statt des fest eingebauten Objektiv ein Bajonett für Wechselobjektive (sagen wir mal ein M-Bajonett) einbauen würde, ….

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Eine Antwort auf Photokina 2010 – Tag 2: Spieglein, Spieglein an der Wand, wer hat den besten Sucher im Land

  1. name sagt:

    Ich liebe meine X1 und ich hasse die X100 bereits wegen ihres widerlichen Designs.Außerdem ist die Leica viel kompakter.

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