Lightroom 4 Beta – Die Gradationskurve

In Lightroom 4 wird die Gradationskurve aufgewertet. Es ist jetzt möglich, die einzelnen Farbkanäle separat zu bearbeiten. Damit kann man die Gradationskurve in Lightroom wie in Photoshop nutzen. Grund genug, einmal ausführlich dieses Werkzeug zu erklären. Damit ist dieser Beitrag eigentlich weniger ein spezieller Lightroom 4 Beitrag, sondern mehr ein allgemeiner Beitrag über die Arbeit mit Gradationskurven. Alles hier Gesagte gilt auch für Photoshop, Paintshop Pro und alle anderen Programme, die die Gradationskurve als Werkzeug anbieten.

(Für alle Screenshots gilt, dass ein Doppelklick das Bild in Originalgröße anzeigt)

In Photoshop führen bekanntlich viele Wege zum Ziel. So ist dort die Gradationskurve nur eines von vielen Werkzeugen zur Tonwert- und Kontraststeuerung. In Lightroom, wo eigentlich nur ein Weg zum Ziel führen soll und es bereits dezidierte Werkzeuge für die Tonwerte und den Kontrast gibt, ist die Gradationskurve ein bisschen wie ein Fremdkörper. Dass es sie trotzdem gibt, zeigt das offensichtlich eine Vielzahl von Nutzern nicht auf sie verzichten wollen. Denn die Gradationskurve ist die eierlegende Wollmichsau unter den Anpassungswerkzeugen.

Um zu verstehen, wie die Gradationskurve funktioniert, erst einmal ein paar kurze Worte zur Theorie. Bei einem Standard 8-Bit JPG-Bild kann jeder Bildpunkt 256 verschiedene Helligkeitszustände annehmen. Dabei ist 0 ganz Schwarz und 255 ganz Weiß und alle Zustände dazwischen halt von dunkel nach hell. Die Helligkeitsverteilung wird in einem Histogramm dargestellt, wobei von links dunkel (0) nach rechts hell (255) die Helligkeitsverteilung dargestellt ist. Die Helligkeit, die am häufigsten im Bild vorkommt, reicht bis zum oberen Rand des Histogramms, alle anderen Helligkeitspunkte werden im Mengenverhältnis dazu dargestellt. Das heißt, eine Säule die nur bis zur Hälfte der maximalen Höhe des Histogrammes reicht, repräsentiert eine Helligkeit, die genau halb so häufig vorkommt, wie die Helligkeit die am häufigsten vorkommt. Die Höhe in dem Histogramm ist immer eine relative Angabe.

Aus einem Histogramm eines Bildes kann man bereits viel herauslesen, ohne das Bild selbst zu sehen. Das Histogramm oben steht für ein Bild, dass offensichtlich kaum wirklich helle Tonwerte umfasst, da es kurz nach den Mitteltönen abbricht. Da die Tiefen aber auch nicht dominieren, handelt sich nicht um ein stark unterbelichtetes Foto. Eher wird es ein annähernd richtig belichtetes, aber relativ flaues Foto handeln. Außerdem wird es sich um ein monochromes Motiv handeln, da Verläufe der einzelnen Farben alle ziemlich gleich verlaufen, so dass das Histogramm im Wesentlichen grau aussieht. Das Bild, zu dem das Histogramm gehört, wird später gezeigt.

Wenn man mit der Gradationskurve arbeiten will, ist es wichtig ist, dass die Punktkurve eingeschaltet ist (siehe roten Pfeil).

Die Gradationskurve ist im Prinzip wie eine mathematische Funktion zu verstehen, in die man eine Zahl eingibt und eine andere Zahl als Ergebnis erhält. Dabei sind auf der waagerechten Achse die ursprünglichen Helligkeitswerte des Bildes aufgetragen und auf der senkrechten Achse die Helligkeitswerte nach Anwendung der Kurve.

Gradationskurve in Grundstellung

Im einfachten Fall verläuft die Kurve als Gerade von der linken unteren Ecke in die rechte obere Ecke. Das bedeutet, dass die Tonwerte von der Kurve nicht verändert werden. Helligkeitswert 0 bleibt 0, 1 bleibt 1, 2 bleibt 2 usw. bis 255 bleibt 255.

Inverse Gradationskurve

In diesem Fall verläuft die Kurve als Gerade von links oben nach rechts unten. Das heißt 0 wird zu 255, 1 wird zu 254, usw. bis 255 wird zu 0. Im Endeffekt wird das Bild invertiert, man erhält ein Negativ. Sollte sich irgendjemand an analoge Filme erinnern und nun Einwänden, dass dort Negative anders aussahen, dem sei gesagt, dass Farbnegative immer einen orange Maskierung haben, die bei der Ausbelichtung der Negative auf Papier weggefiltert wurde.

Aufhellen mittels Gradationskurve

Zieht man die Gradationskurve nach links oben, wird das Bild aufgehellt. Die Mitteltöne sind hier am stärksten betroffen, denn bei den Mitteltönen ist die Entfernung zwischen der Nulllinie (gestrichelte Linie) und veränderten Gradationskurve am größten. An den hellsten und dunkelsten Stellen im Bild ist die Veränderung vergleichsweise gering.

Abdunkeln mittels der Gradationskurve

Zieht man die Gradationskurve nach rechts unten, wird das Bild abgedunkelt. Auch hier gilt wieder, dass die Mitteltöne am stärksten betroffen sind.

Kontraststeuerung mit der Gradationskurve

Die Gradationskurve wird auch gerne zur gezielten Steuerung des Kontrastes genutzt. Dann hat die Gradationskurve eine S-Form. Dabei werden die dunklen Tonwerte weiter abgedunkelt und die hellen Tonwerte aufgehellt. In dem Beispiel blieben die Mitteltöne unverändert. Wichtig ist zu wissen, dass jegliche Kontraststeigerung in einem Tonwertbereich immer auch mit einer Kontrastreduzierung in anderen Tonwertbereichen einhergeht und dass jede Veränderung der Gradationskurve mit Kontraständerungen einher geht.

In dem Tonwertbereich in dem die Gradationskurve steiler ist als in die Ausgangsgrade, also zwischen 1 und 2 ist der Kontrast erhöht. In den Bereichen, in dem die Gradationskurve flacher verläuft, also vor 1 und nach 2, ist der Kontrast reduziert. Die Kunst liegt nun darin, die Kontraste in den Tonwertbereichen zu optimieren, in denen die meisten Tonwerte liegen. Dies geschieht dann auf Kosten der Bereiche mit wenigen Tonwerten. Hilfreich ist das, hinter der Gradationskurve eingeblendete, Histogramm, das immer die Helligkeitsverteilung vor Anwendung der Gradationskurve zeigt, während die Histogramm oben in der Spalte ein Echtzeithistogramm ist, dass immer die Helligkeitsverteilung nach allen Anpassungen zeigt.

So, nun nochmal ein anderes Beispiel für eine Helligkeits- und Kontrastkorrektur mittels Gradationskurve. Das Histogramm des Bildes kennen wir, es handelt sich um das Bild für das Eingangs gezeigte Histogramm.

Ausgangsbild für eine Tonwertkorrektur mittels Gradationskurve

Wie vermutet, handelt es sich um ein relativ flaues, monchromes Bild ohne helle Tonwerte, aber insgesamt nur wenig unterbelichtet.

Gezieltes Anheben der hellen Tonwerte

Da in dem Bild die hellsten Tonwerte praktisch gar nicht vorkommen, wird der Endpunkt der Gradationskurve am oberen Rand nach links verschoben. Technisch bedeutet dass, dass Bildpunkte mit ca. 75% Helligkeit im Ausgangsbild zu 100% Helligkeit im Endbild übersetzt werden. Alle Bereiche im Ausgangsbild mit mehr als 75% Helligkeit würden jegliche Zeichnung verlieren, da mehr als 100% Helligkeit nicht möglich ist. Da dies in dem Bild nicht vorkommt, ist das hier unproblematisch.

Die Stärke des Effekts ergibt sich wieder aus der Differenz zwischen gestrichelter Nulllinie und der geänderten Gradationskurve. Hier sieht man, dass die Aufhellung im hellen Bereich am stärksten ist und schwächer wird, je weiter man in dem dunklen Bereich kommt.

Nächster Schritt: Kontraststeigerung

Auch wenn im ersten Schritt bereits eine Kontrasterhöhung stattgefunden hat, wurde im nächsten Bild nun der Kontrast mittels einer S-Kurve noch weiter erhöht, ohne dass jedoch die hellsten und dunkelsten Punkte im Bild betroffen wären. Der Tonwertbereich selbst hat sich nicht mehr verändert.

Letzter Schritt: Kontrastoptimierung mittels Gradationskurve

Zu guter Letzt noch eine Kontrastoptimierung. Ziel ist es, die Kontraste nur in den helleren Bereichen, also den Wolken, zu verstärken, aber aber die Tiefen möglichst unverändert zu lassen. Mit mehreren Anfasserpunkten kann man die Gradationskurve in praktisch jede beliebige Form bringen. In dem Beispiel habe ich nun versucht, die Gradationskurve in den Tiefen so zu belassen, wie sie in der ersten Helligkeitsanpassung vorgenommen wurde. In den helleren Bereichen wurde der Kontrast mittels einer steileren Kurve erhöht. Dafür musste ich jedoch den Kontrast in einem Bereich der Mitteltönen zurücknehmen. Zu sehen ist dies in den unterschiedlichen Steigungen der Gradationskurve in den verschiedenen Tonwertbereichen.

Vorher- / Nachher-Bilder

Hier sieht man in der Vorher- / Nachher-Ansicht den Effekt der Anpassungen. Durch den erhöhten Kontrast wirkt das Bild nicht mehr flau, die Wolken haben Struktur bekommen und die Tiefen saufen nicht ab.

Der Preis der Anpassung: Verstärktes Rauschen

Die Detail-Ansicht zeigt den Preis, den man für die Anpassungen zahlen muss: Verstärktes Rauschen. Der Fairnesshalbe sei aber gesagt, dass das Bild seinerzeit mit einer EOS 350D gemacht wurde. Aktuelle Kameras neigen natürlich weniger stark zum Bildrauschen.

Alles bisher Gezeigte ist auch schon mit Lightroom 3 möglich. In Lightroom 4 wird die Gradationskurve aber soweit aufgewertet, dass nun gezielt die einzelnen RGB-Kanäle bearbeitet werden können.

Gradationskurven für die einzelnen Farbkanäle

Bekanntermaßen kann man sich ein Farbbild als Summe aus drei Schwarzweißbildern vorstellen, wobei jedes dieser drei Schwarzweißbilder die Helligkeitsinformationen für einen Farbkanal, nämlich Rot, Blau und Grün enthält. Legt für jeden Pixel die drei Helligkeitsinformationen übereinander erhält man die Farbinformation.

Farbzusammensetzung aus den drei Grundfarben

Das oben gewählte etwas schmutzige Gelb setzt sich aus den Helligkeitswerten von 188 (Rot), 207 (Grün) und 27 (Blau) zusammen.

Mit Gradationskurven für einzelne Farbkanäle kann man nun das Bild gezielt tonen oder Farbstiche korrigieren oder auch verstärken.

Gradationskurve im Blau-Kanal - Blauverstärkung

Im einfachsten Fall verstärkt man durch ziehen nach links die Farbe. Hier wurde in den hellen Tonwerten Blau verstärkt während in den Tiefen und Mitteltönen kein Farbstich vorliegt.

Gradationskurve im Blau-Kanal: Gelbverstärkung

Zieht man hingegen die Gradationskurve nach rechts wird die Komplementärfarbe verstärkt, im Blau-Kanal ist das Gelb. So gelingt uns hier diese „wunderschöne“ Gelbtonung in den den hellen Tonwerten.

Die RGB-Farben im Verhältnis zu den CYMK-Farben

Die Grafik oben zeigt das Verhältnis der drei RGB-Grundfarben zu den Komplementärfarben im CYMK-Modell. Will man in einem Bild zum Beispiel den Gelbanteil erhöhen, dann kann man das machen, in dem man den Blauanteil (Komplentär zu Gelb) verringert oder aber den Rot- und den Grünanteil erhöht.

Nun stellt sich die berechtigte Frage, warum soll man das über die Gradationskurve machen, wenn es doch bereits ein Tonungswerkzeug gibt. Die Antwort ist einfach: Flexibilität.

Vorteil Gradationskurve: Unerreichte Flexibiltät

Man kann mittels der Gradationskurve unglaublich flexibel einzelne Tonwertbereiche bearbeiten. Hier habe ich zum Beispiel im hellen Tonwertbereich eine Gelbtonung vorgenommen. Tiefen und Mitteltöne, aber auch die ganz hellen Lichter sind jedoch neutral.

Ich gebe aber zu, dass die Farbkorrektur über Gradationskurven nicht ganz trival ist und viel Fingerspitzengefühl benötigt. Mit ein bisschen Übung kann man damit spezielle Farblooks und Bildeindrücke erzielen. Zum Beispiel eine digitale Crossentwicklung. Die Möglichkeiten sind endlos.

Crossentwicklung mit Gradationskurven

Wer sich aber mehr mit der Materie beschäftigen will, dem sei das Buch „Photoshop Farbkorrektur“ von Dan Margulis ans Herz gelegt. Der amerikanische Autor gilt als Papst der Farbkorrekturen und arbeitet praktisch nur mit Gradatiunskurven. Seine Bücher sind aber eher schwere Kost und nichts, was man eben nebenbei liest.

Dieser Beitrag wurde unter Lightroom, Software, Tips & Tricks abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten auf Lightroom 4 Beta – Die Gradationskurve

  1. roland sagt:

    danke für erklärung, dank dir hab ich jetzt den icon fürs verstellen der ender der kurve gefunden

  2. Man muss sich wirklich erst eine weile mit der Materie beschäftigen und herumprobieren. Dann ist es aber erstaunlich, was für tolle Ergebnisse man erzielen kann. Danke für die tollen Tipps!

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.