Fight Fire with Fire – Oder doch lieber Öl ins Feuer gießen.

It’s the economy, stupid!

Disclamer vorweg. Von Wirtschaft verstehe ich noch weniger als von fotografieren. Deshalb sollte niemand etwas darauf geben, was ich hier schreibe. Und schon gar nicht seine eigenen finanziellen Entscheidungen danach ausrichten. Ist halt nur meine unmaßgebliche Meinung.

Als ich heute in die Mittagspause ging, war gerade er DAX im freien Fall. Als ich wieder kam, war der Absturz gebremst und die Verluste zumindest zum Teil wieder aufgefangen. Was war passiert? In einer konstatierten Aktion hatten sämtliche relevanten Notenbanken der Welt die Leitzinsen gesenkt, um damit die kollabierenden Aktienmärkte zu stützen. Meine erste Reaktion war: Na toll. Spätestens in zwei Tagen ist der Effekt verpufft. Ich sollte mich fürchterlich täuschen. Es brauchte keine zwei Stunden, dann war der Effekt verpufft. Der DAX hat dann am Ende mit ca. -5% geschlossen.

Warum hat das ganze nichts gebracht? Dann muss man sich erstmal überlegen, wie eine Zinssenkung wirkt und wann sie wirkt. Die Steuerung der Leitzinsen ist wahrscheinlich das wichtigste finanzpolitische Werkzeug der Notenbank. Darüber kann die Notenbank die Geldmenge und damit die Inflation steuern. Die Leitzinsen bestimmen, mit welchem Zins sich die Banken bei der Notenbank Geld leihen kann. In der Theorie leihen sich die Banken bei niedrigen Zinsen mehr Geld und in der Folge wird die gesamte Geldmenge erhöht. Die Geldmenge sollte dabei parallel mit der allgemeinen Produktivitätssteigerung wachsen, dann kann alles was produziert wird auch finanziert werden, es gibt Geldwertstabilität. Wächst die Geldmenge stärker als die Produktivität besteht Inflationsgefahr. Dann erhöht die Notenbank die Zinsen, Geld wird teurer und nicht mehr so stark nachgefragt, die Geldmenge wächst langsamer, Inflationsgefahr gebannt.

Die Notenbank kann aber auch, wenn sie gerade nicht die Inflation bekämpft, Konjunkturpolitik betreiben. Die Idee ist einfach. Niedrige Zinsen für die Geschäftsbanken werden an die Nichtbanken (also Unternehmen und ganz normale Leute wie Du und ich) weitergereicht. Die Banken vergeben mehr Kredite, zu niedrigeren Zinsen. Wenn die Kredite billig sind, wird mehr konsumiert und produziert. Die Unternehmen müssen weniger Zinsen zahlen und sind eher bereit zu Investieren. Und der Blitzkredit und damit der neue Fernseher wird auch billiger. Wie alles was billig ist, wird auch billiges Geld stärker nachgefragt. Wenn Benzin billig ist, wird mehr Autogefahren, wenn Zigaretten billig sind, wird mehr geraucht und wenn Geld billig ist, wird mehr ausgegeben. So kann die Notenbank mit billigen Geld einer schwächelnden Wirtschaft einen Impuls geben. Und wenn die Leute sehen, dass Geld ist billig rechnen sie mit verstärkten Wirtschaftswachstum und auch die Aktien steigen wieder. Mit dieser Methode hat die amerikanische Notenbank die amerikanische Wirtschaft seit dem Platzen der Internet-Blase am Leben gehalten (darauf komme ich später nochmal zurück).

Soweit die Theorie. Doch heute hat das billige Geld der Notenbanken die Aktienkurse nicht dauerhaft aus dem Loch ziehen können. Warum nicht? Weil die Zinssenkung die richtige Medizin für die falsche Krankheit ist. Alle Reden von der Kreditklemme. Das ist der Fall, wenn die Banken nicht genug Kredite an die Wirtschaft abgeben und deshalb Unternehmen keine Investitionen tätigen können und Konsumenten keine Konsumausgaben. Aber wenn wir eine Kreditklemme haben (was offziell verneint wird), dann nicht weil zuwenig Geld am Markt ist. Im Gegenteil, es ist Geld genug da. Es ist wegen dem Bankenrun.

Moment, werden Sie jetzt sagen. Wieso Bankenrun? Bankenrun ist doch, wenn die Sparer sich vor die Bank stellen und lautstark ihr Erspartes zurück fordern. Weil die Bank das Geld selbstverständlich verliehen hat, kann sie nicht auszahlen, wird illiquide und kollabiert. Aber das haben wir doch nicht. Vor unseren Banken stehen doch keine Schlangen von Sparern und wollen ihr Geld zurück. Die Menschen sind doch so vernünftig und ziehen eben nicht das Geld ab. Also gibt es doch keinen Bankenrun?

Doch gibt es. Irgendwie. Die Bürger sind natürlich vernünftig. Sie wissen, wenn sie jetzt das Geld abziehen bricht alles zusammen. Sie vertrauen auch noch den Banken (ein bisschen) und Frau Merkel, die ja persönlich jeden Sparer entschädigen will. Aber die Banken selbst sind es, die nicht vernünftig sind. Jeder Bänker sagt zwar, wie wichtig es ist, jetzt vertrauen zu haben und nicht panisch zu reagieren, aber sie selbst vertrauen sich nicht mehr und reagieren panisch. Sie leihen sich untereinander kein Geld mehr, weil sie Angst haben, dass sie ihr Geld verlieren, wenn eine von ihnen den Löffel abgibt. Und da nicht jede Bank ein eigenes Einlagengeschäft (=Sparer mit Sparbuch) hat und sich nicht jede Bank Geld bei der Zentralbank holen kann, müssen sich viele Banken ihr Geld von anderen Banken leihen. Und wenn die Banken (mit Geld) Angst haben, dass sie das Geld von den anderen Bank (ohne Geld) nicht wieder bekommen, dann verleihen sie nichts. Und wenn die Banken (ohne Geld) nicht bald Geld bekommen, sind sie illiquide. Und was ist eine Bank, die illiquide ist? Eben.

Das war doch das Problem der Hypo Real Estate. Ihre Tochter, die Depfa-Bank ist doch nicht kurz vor dem Zusammenbruch gewesen, weil sie Wertpapiere von amerikanischen Hypotheken mit schlechter Bonität hatte (wie die IKB). Nein sie hatte das Geld nur an erstklassige Schuldner verliehen. Staaten, Länder, Kommunen. Praktisch kein Ausfallrisiko. Natürlich hat sie gezockt. Aber anders. Sie hat Kredite vergeben, die viele Jahre laufen und hat sich wiederrum mit kurzfristigen Geldmarktkrediten finanziert. Sie musste sich jeden Monat einen neuen Kredit holen, während sie dass Geld selbst für 10 Jahre verliehen hat (als Beispiel). Da kurze Kredite in der Regel billiger als langfristige Kredite sind, hat sie damit gutes Geld verdient. Das ging solange gut, wie sie immer wieder Kredite bekommen hat. Kein Problem, da sie ja selbst nur an Kunden mit guter Bonität Geld verliehen hat. Geringes Ausfallrisiko. Bis letzte Woche. Da haben die anderen Banken gesagt, Geld gibts nicht mehr und schon war die HRE kurz vor dem Bankrott. Da hätte der Leitzins Null % betragen können, die Situation wäre die gleiche gewesen. Wir haben eine Vertrauenskrise, keine Liquiditätskrise.

Moment werden Sie jetzt sagen. Wenn dass so ist, weiß das den nicht die Notenbank? Warum tut sie es dann trotzdem. Natürlich weiß dass die Notenbank. Aber es ist das einzige Instrument, was sie hat. Ironischerweise hat die Notenbank keine Instrumente für eine Situation wie wir sie jetzt haben. Sie kann nur die Zinsen senken, also tut sie dass, um wenigstens Präsens zu zeigen. Das Ganze ist keine wohlüberlegte, geplante und sinnvolle Aktion sondern blanke Panik.

Die Einzige, die jetzt was tun könnte, wäre die Politik (Oh mein Gott, wir werden alle Sterben). Die Politik müsste sicherstellen, dass keine Bank pleite geht. Keine. Insofern war Lehmann in den USA ein brutal großer Fehler. Denn nur wenn sichergestellt ist, dass keine Bank pleite geht, leihen sich die Banken untereinander wieder Geld. Wie man das sicherstellt, da gibt es sicherlich eine Vielzahl von Möglichkeiten. Was es nicht geben darf ist ein Blanko-Scheck für die Kreditinstitute und am Ende wird der ganze Müll bei dem Steuerzahler abgeladen und die Banken machen, vom Ballast befreit, weiter wie vorher. Für jeden müden Euro, der für die Rettung der Banken ausgegeben wird, müssen die Banken zahlen. Am besten mit Eigenkapitalanteilen. Soweit sie staatlichen Schutz annehmen, werden sie (teilweise) verstaatlicht. Am Ende bleiben die Banken, die gut gewirtschaftet und vernünftig geplant haben, unabhängig und die schwachen Banken fallen an den Staat, werden saniert und nach der Krise verkauft.

Moment, werden Sie sagen. Wenn das so einfach ist, warum wird das nicht gemacht? Keine Ahnung.

Moment, werden Sie sagen. Ich wollte doch noch was zur Politik des billigen Geldes sagen. Stimmt. Die aktuellen Katastrophe hat viele Väter. Aber den Grundstein hat die amerikanische Notenbank gelegt, als sie die Zinsen über Jahre extrem niedrig gehalten hat, um die amerikanische Konjunktur anzukurbeln. Denn nur, weil unglaublich viel unglaublich billiges Geld da war, konnte es auch an Leute verliehen werden, die es sich gar nicht leisten konnten, die Subprime-Kredite. Nur so konnte sich die amerikanische Bevölkerung so unglaublich verschulden (mit ihrem Konsum die Weltwirtschaft, damit auch den deutschen Export ankurbeln). Erst als es viel zu spät war, hat die amerikanische Notenbank versucht gegenzusteuern und die Zinsen anzuheben. Damit platzte die Blase und die Katastrophe begann. Und was machen die Notenbanken jetzt? Zinsen senken.

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