Warum zwei Dinge, die das Gleiche tun nicht das Selbe sind, oder: Was sind eigentlich Zertifikate

It’s the economy, stupid!

Disclamer vorweg. Von Wirtschaft verstehe ich sogar noch weniger als von fotografieren. Deshalb sollte niemand etwas darauf geben, was ich hier schreibe. Und schon gar nicht seine eigenen finanziellen Entscheidungen danach ausrichten. Ist halt nur meine unmaßgebliche Meinung.

Nun lag ich gestern mit meiner Einschätzung über die Wirksamkeit der Zinssenkung der Notenbanken nicht so sehr daneben. Nachdem der DAX heute zunächst etwas zugelegt hat, verlor er gegen Abend wieder stark und endete mit einem Minus von 2,5%. Der Dow Jones verlor mal eben 7,3%. Schade, ich hätte mich gerne getäuscht.

Heute hab ich einen sehr interessanten Artikel gelesen. Für viele steht alles auf dem Spiel. Es geht um die Finanzanlagen von Otto Normalbürger und der verzweiflung, die sich derzeit unter vielen Menschen breit macht.

Liest man sich den Artikel in Gänze durch, wird erschreckend klar, wie wenig offensichtlich die Deutschen wissen, wem sie ihr Geld anvertrauen und was er damit macht. Grundsätzlich ist das nicht mal schlimm, man muss nicht alles selbst wissen und können, man kann Aufgaben ja durchaus delegieren. Dumm nur, wenn der jenige, der die Aufgaben erledigen soll entweder keine Ahnung hat oder eigene Interessen verfolgt, die den eigenen nicht unbedingt entsprechen müssen.

Hier also mein Beitrag zur allgemeinen Volksaufklärung: Was ist ein Zertifikat, warum ist ein Zertifikat böse (ist es das überhaupt?) und was bedeutet es für mich. Und alles in einer einfachen Sprache, die auch Oma Lehmann versteht. Bleiben Sie dran, es wird spannend.

Ich habe das erste Mal von Zertifikaten vor einigen Jahren gehört (wie gesagt, ich interessiere mich nicht für Ökonomie). Ein Freund erzählte von seiner Geldanlage. Er wollte Geld am Aktienmarkt investieren. Einzelne Aktien sind zu riskant und Fonds, na ja da bekommen einige hochbezahlte Spezialisten viel Geld dafür, dass sie die Aktien so auswählen, dass eine bessere Rendite als am Markt erzielt wird. In der Realität schaffen sie das aber oft nicht. Und dazu kommt häufig noch, dass die Risikostreuung nicht dem breiten Risiko des DAX entspricht sondern sich auf Teilmärkte beschränkt, die höhere Rendite versprechen und damit auch ein engeres (höheres) Risiko haben. Insofern kann es für den ein wenig risikogeneigten Anlegen vernünftig sein, eine Risikostreuung analog dem DAX (oder anderer Indizes) vorzunehmen. Da man das als privat Anleger in der Regel nicht durch direkten Aktienkauf erreicht, braucht man ein Investitionsinstrument. Der Freund hatte sich für ein indexbasiertes Zertifikat entschieden. Das funktioniert im wesentlichen so, dass ich dass Zertifikat kaufe und dann für jeden Punkt in DAX (oder einen anderen Index) einen Euro bezahle. Wenn ich dass Zertifikat wieder verkaufe, oder es ausläuft, bekomme ich für jeden Punkt des gewählten Index einen Euro. Für mich als Anleger ist der DAX perfekt nachgebildet. Natürlich trage ich das ganz normale Kursrisiko, aber vor dem Hintergrund meiner Investitionsentscheidung habe ich mich ja gerade dafür entschieden.

Vor ein paar Wochen habe ich mit dem Gedanken gespielt, vor Ende des Jahres noch ein paar Euro anzulegen. Vor dem Hintergrund meiner persönlichen Risikoneigung habe ich mich für einen indexbasierten Fond entschieden. Ein bei einem indexbasierten Fonds versuchen keine hochbezahlten Spezialisten durch kluge Kauf- und Verkaufaktionen eine bessere Rendite als der Markt zu erzielen, sondern da sitzt ein Praktikant und kauft einfach so die Aktien zusammen, dass sich der Fonds genauso verhält wie der DAX. Im Prinzip zahle ich dann für jeden Punkt in DAX einen Euro wenn ich den Fonds kaufe und wenn ich den Fonds wieder verkaufe bekomme ich für jeden Punkt im DAX einen Euro. Auf diese Weise kann ich den DAX perfekt nachbilden. Natürlich trage ich das ganz normale Kursrisiko, aber vor dem Hintergrund meiner Investitionsentscheidung habe ich mich ja gerade dafür entschieden.

Als ich dann zum Finanzinstitut meines Vertrauens zu dem ich immer gehe ging und mit dem Berater über meine Investitionsentscheidung gesprochen habe, wollte er mir ein Zertifikat andrehen. Für ihn war das eine anscheinend so gut wie das andere. Hab dann aber dankend abgelehnt.

Moment werden Sie jetzt sagen. Wo ist denn dann der Unterschied? Und warum sagen jetzt alle, dass Zertifikate so schlimm sind und dass damit Oma Lehmann hochriskante Renditemonster angedreht wurden? Sieht doch eigentlich wie eine vernünftige Sache aus. Und was anderes als der Fonds ist es offensichtlich auch nicht.

Um diese Frage zu beantworten muss man etwas tiefer gucken. Für mich als Anleger macht es zunächst keinen Unterschied ob ich einen Index-Fonds oder ein Index-Zertifikat kaufe. In meinem Beispiel kommt in beiden Fällen am Ende das Gleiche bei rum. Ich bilde gemäß meiner Risikoneigung einen Index ab. Allerdings haben beide Produkte unter der Oberfläche ein unterschiedliches Chancen- und Risikoprofil. Und um das zu verstehen, muss man wissen, wie ein Fonds und ein Zertifikat funktionieren.

Bei einem Zertifikat leihen Sie dem Emittenten, also dem der das Zertifikat raus gibt, Geld und der steckt es in seine Tasche. Gleichzeitig haben Sie mit dem Emittenten eine Vereinbarung, unter welchen Bedingungen und in welcher Höhe sie das Geld wieder bekommen. In unserem Beispiel gibt es für jeden Punkt in DAX einen Euro. Was der Emittent mit dem Geld macht, dass er von ihnen bekommen hat, muss sie erstmal nicht interessieren. Sinnvollerweise kauft er davon Aktien, damit er ein passendes Gegengeschäft aufbaut. Er kann aber auch davon einen Swimmingpool für die Mitarbeiter bauen lassen. Wichtig ist nur, dass Sie eine Vereinbarung haben, die genau festlegt, wann Sie wie viel Geld zurückbekommen. An diesen Vertrag muss er sich halten, da gibt es nichts. Ein Problem haben Sie nur, wenn der Emittent seinen Vertrag nicht mehr erfüllen kann. In der Regel ist dass der Fall, wenn er Pleite ist. Das ist genauso, als ob sie dem benachbarten Bäcker 10.000 Euro für eine Brotbackmaschine leihen und am nächsten Tag begrüßt sie beim Brötchenkauf nicht die nette Verkäuferin sondern ein grimmig reinschauender Insolvenzverwalter. Dann ist ihr Geld auch weg. Im Gegensatz zu Einlagen die Sie direkt bei den Banken machen, also ihr Sparbuch oder Festgeld, sind die Zertifikate nicht durch Sicherungsinstrumente, wie z.B. dem Einlagensicherungsfonds der Banken geschützt. Wenn die Bank Pleite geht, dann ist ihr Geld Teil der Insolvenzmasse und sie kriegen nur in den Anteil zurück, in dem die Schulden der Bank aus der Verwertung von Vermögen bedient werden kann. Nun besteht aber Hoffnung zumindest einen Teil des Geldes zurück zu bekommen, da es bei Bankenpleiten selten zu Totalausfällen kommt. Aber man bekommt nicht alles wieder und es kann dauern. So wird die Herstatt-Bank, die 1974 Pleite ging, bis heute abgewickelt.

Bei Fonds ist das anders. Bei einem Fonds geben sie dem Emittenten ihr Geld zu treuen Händen und der steckt es in eine Tasche, die ihm gar nicht gehört. Die Tasche gehört gemäß ihrem Anteil ihnen. Und als Treuhänder macht er mit dem Geld dass, was in dem Fonds vereinbart wurde. In unserem Fall Aktien so zu kaufen, dass der Wert des Fonds sich mit dem DAX entwickelt. Geht der Emittent Pleite, braucht Sie dass erstmal nicht beunruhigen. Der Fonds gehört ja weiterhin ihnen und ist kein Teil der Insolvenzmasse. Im ungünstigsten Fall wird der Fonds aufgelöst und die Vermögensgegenstände verkauft. Den Erlös bekommen Sie. Blöd natürlich nur, wenn die Aktien zu dem Zeitpunkt schlechter stehen als bei Kauf des Fonds, aber das ist das Marktrisiko. Wenn sie gleichzeitig in einen anderen, identisch strukturierten Fonds investieren hält sich ihr Risiko aus dem Zusammenbruch des Emittenten in engen Grenzen.

Der Fonds in unserem Beispiel hat aber andere Risiken. Beim Zertifikat ist die Auszahlung vertraglich fixiert. In unserem Beispiel 1 Euro pro DAX-Punkt. Bei dem Fonds nicht. Er versucht zwar dem DAX nachzubilden, aber dass klappt nicht immer zu 100%. Die Fonds erbeten sich hier auch immer eine Fehlertoleranz. Stellen sich die Fondsmanager aber mal ziemlich dämlich an und verfehlen den DAX ist das im Zweifel Ihr Problem.

So an dieser Stelle ist es Zeit für ein Zwischenfazit: Man kann Anlageziele auf verschiedene Arten verfolgen. Eine davon ist das Zertifikat. Grundsätzlich kommt bei den Zertifikaten zu den Marktrisiken noch das Ausfallrisiko des Emittenten hinzu. Das heißt, wenn ich ein Zertifikat kaufe, sollte ich schauen, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Emittent ausfällt und das Zertifikat wertlos wird. Wenn man aber vor zwei Jahren gesagt hätte, die berühmte und hochseriöse amerikanische Bank Lehmann-Brothers kollabiert, wäre man ausgelacht worden. Das war vor zwei Jahren kein Thema. Kein Bankberater hätte das als realistisches Risiko in den Raum gestellt. Als theoretisches Risiko muss natürlich darauf hingewiesen werden (aber anscheinend ist das nicht immer passiert). Alles in Allem sind Zertifikate nicht zu verdammen. Man muss „nur“ genau hingucken was man kauft und sich auch den Emittenten genau unter die Lupe nehmen. Es gehört das Vertrauen dazu, dass der Emittent auch nach 10 Jahren am Markt ist.

Warum sind den Zertifikate so in Verruf geraten, wenn Sie nicht grundsätzlich schlecht sind? Der Grund ist eigentlich ganz einfach. Zum einen natürlich wegen der Lehmann-Pleite. Erst damit wurde den meisten Anlegen das Risiko des Totalverlustes bewusst. Schlimmer noch, die Zertifikate wurden bis kurz vor dem Crash noch verkauft. Damit wurde nicht nur das Vertrauen in Zertifikate an sich, sondern auch das Vertrauen in die Bankberater nachhaltig zerstört. Mit dem neuen Blick auf die Zertifikate wurde auch ein weiterer Aspekt von vielen Zertifikaten hervor geholt, der in den letzten Jahren sträflich vernachlässigt wurde. Die fehlende Transparenz. Da Zertifikate nicht reglementiert sind, kann jeder Emittent prinzipiell machen was er will. So haben sich viele Banken Päckchen geschnürt, die kein normaler Mensch mehr versteht. Aber wenn man Sachen kaufen soll, die man nicht versteht, wird es gefährlich.

Ich weiß noch, wie ich vor etwa zwei Jahren mal wieder Briefmarken kaufen musste. Es war kurz vor der Fußball-WM. Ich stand so in der Schlange vor dem Postschalter und griff mir aus lauter Langeweile einen der rum liegenden Werbeflyer. Anlässlich der WM hatte die Postbank ein supertolles neues Produkt im Angebot. Was es mit Fußball zu tun hatte weiß ich nicht. Die genauen Konditionen hab ich auch nicht mehr im Kopf. Es ging etwa so. Man kaufte das Zertifikat und bekam nach einigen Jahren das Geld zurück. Die Verzinsung richtete sich nach der Entwicklung der Kurse von einer Vielzahl, vielleicht einem Dutzend, Aktien. Wenn die Aktien über einen bestimmten Wert waren, gab es relativ viel Zinsen. Wenn mindestens drei Aktien unter einem bestimmten Wert waren gab es nur wenig Zinsen und wenn mindestens drei Aktien unter einem noch schlechteren Wert waren, gab es fast keine Zinsen (wie gesagt, ich erinnere mich nicht mehr genau daran, ist aber für das was ich sagen will auch egal).

Als ich den Flyer gelesen habe, hab ich mir gedacht: Was für ein Scheiß. Wer kauft so was? Da die Flyer im Foyer der Post auslagen war, sollten wohl die ganz normalen Menschen wie Sie und ich das Zertifikat kaufen. Aber aus dem Flyer konnte ich nicht ableiten, welche Chancen und Risiken ich habe. Es geht nicht. Mein Eindruck war, dass die Chancen für mich eher schlecht stehen. Wenn ich ein sehr breit gestreutes Portfolio habe, ist es meist so, dass ich auch Unternehmen mit sehr gegenläufigen Entwicklungen habe. Wenn ich einen verregneten Sommer habe, wird sich der Aktienkurs eines Regenschirmherstellers wahrscheinlich gut entwickeln, während der des Eisverkäufers wahrscheinlich einbricht. Wenn sich aber beide gut entwickeln müssen, damit ich gute Zinsen bekomme, habe ich doch schon verloren. Wie gesagt, ich habe das Chancen-/Risikoprofil nicht wirklich verstehen können und dabei ist das wahrscheinlich noch eines der harmloseren Zertifikate gewesen.

Und da ist das Problem. Es werden den in Finanzfragen normal (also wenig) gebildeten Laien Produkte verkauft, die er nicht versteht. Und da wird es gefährlich. Denn wenn man das Produkt nicht versteht, was hindert dann den Emittenten daran, die Chancen und Risiken zu ungunsten des Käufers zu verschieben. Merkt doch keiner. Natürlich steht dass alles in dem Prospekt, aber das liest doch keiner und wer es liest, der versteht es nicht.

Fehlende Transparenz gibt es natürlich nicht nur bei Zertifikaten. Auch die anderen Anlageformen gibt es Finanzinstrumente, die kein Schwein mehr versteht, nicht mal die Banker selbst, wie man an der aktuellen Finanzmarktkrise eindrucksvoll vor Augen geführt bekommt. Deshalb gilt der gut gemeinte Tipp zum Schluss nicht nur für Zertifikate:

  • Kennen Sie Ihr eigenes Risikoprofil

  • Verstehen Sie das Wertpapier, dass Sie kaufen wollen. Wenn Sie es nicht komplett verstehen, dann kaufen Sie es nicht.

  • Streuen Sie das Risiko auf verschiedene Anbieter (wenn die Leute, die ihr Erspartes bei Lehmann angelegt und verloren hätten, die Hälfte bei Lehmann und die andere Hälfte bei Goldmann Sachs angelegt hätten, hätten Sie jetzt noch die Hälfte ihres Kapitals).

  • Vertrauen Sie niemanden

Dieser Beitrag wurde unter Der Hobby-Ökonom abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.