Quo Vadis, Canon?

Mitte der 90er Jahre habe ich angefanfen, mich für Fotografie zu interessieren. Meine erste Kamera war eine Canon EOS EOS 50E. Ich könnte ja jetzt sagen, daß ich mich für diese Kamera aufgrund eines langen und sorgsamen Auswahlprozesses entschieden habe. Aber das wäre nur eine Schmeichelei einer (nicht vorhandenen?) Rationalität meinerseits. Eigentlich hab ich sie gekauft, weil sie mir am besten gefallen hat. Und der Verkäufer hat gesagt, dass es eine gute Camera ist. Naiv, nicht?

Ich wußte es beim Kauf zwar nicht, aber tatsächlich war die Canon 50E die seinerzeit wahrscheinlich beste Kamera für einen ambitionierten Hobby-Fotografen. Und das gesamte Canon-System war der Konkurrenz mindestens 5 Jahre in der Entwicklung voraus. Nikon und Minolta hatten dem eigentlich nichts entgegen zu setzten. Und Gründe, warum man seinerzeit Kameras von dem anderen Nischenanbieter (Pentax) hätte kaufen sollen, fallen mir beim besten willen nicht ein.

Warum war das so? Warum haben die anderen Anbieter von Canon allerhöhstens die Rücklichter gesehen? Canon war radikal, Canon war kreativ. Canon hat den Übergang zum Autofokus alles über den Haufen geworfen, komplett neu gedacht, dafür viele Prügel bezogen aber am Ende triumpfiert. Mitte der 80er standen alle Hersteller von Spiegelreflexkameras, die ein Autofokussystem anbieten wollten, vor einem Problem. Die bisherigen Objektive und Kameras waren nicht für eine automatische Scharfstellung ausgelegt. Grundsätzlich blieben zwei Möglichkeiten: Man erweitert das bestehende Bajonett um Autofokusfähigkeiten oder man wirft es in die Tonne und beginnt von Null. Nikon und Pentax sind den Weg des geringsten Widerstandes gegangen und haben das bestehende Bajonett aufgebohrt. Grundsätzlich sollte damit jedes Objektiv an jeder Kamera benutzbar sein. Mechanisch kann man zwar auch heute jedes Nikonobjektiv an jede Kamera anschließen. Aber fragen Sie mal einen Nikon-User, welche Einschränkungen eine bestimmte Kamera-/ Objektivkombination (Stichwort: Autofokus, Belichtungsmessung usw.) mit sich bringt.  Das Ganze ist schon eine Wissenschaft für sich.

Canon und Minolta haben sich für ein neues Bajonett entschieden. Dabei war Canon radikal wie genial. Das Bajonett hat keine mechaniche Elemente mehr, die Kommunikation zwischen Kamera und erfolgt ausschließlich elektronisch und vor allem der Autofokusmotor befindet sich im Objektiv. Damit konnte Canon bahnbrechende Techniken einsetzen, für die die anderen Hersteller noch Jahre brauchten. Ultraschall-Objektive gab es Canon bereits Anfang der 90er Jahre. Die Konkurrenz brauchte gut 10 Jahre länger, schlicht und einfach deshalb, weil deren Kameras keinen Motor im Objektiv ansteuern konnte. Imagestabilistoren im Objektiv gibt es bei Canon seit 1995. Nikon kann sich zwar rühmen, den ersten optischen Imagestabilisator bereits 1994 verbaut zu haben, aber in einer Kompaktkamera. Es hat etwa zur Jahrtausendwende gedauert, bis es ein stabilisiertes SLR-Objektiv gab.

Mit der EOS 3 legte 1998 Canon ein Autofokusmodul vor, dass mit über 40 Autofokusfeldern arbeitete und trotzdem schnell genug war, bei 8 Bildern pro Sekunde die Schärfe nach zuführen. Auch hier dauerte es Jahre, bis die Konkurrenz vergleichbares hatte. Gleichzeitig wurde passend zur  EOS 3 das E-TTL Blitzsystem*eingeführt, was eine Blitzbelichtung mittels eines Vorblitzes erlaubt, während die klassische Blitzbelichtungsmessung während der Aufnahme das vom Film reflektierte Licht messen. Gleichzeit kann man beliebig viele Blitze als Slave ansteuern und das bei beibehaltung der TTL-Belichtungsmessung. Klar haben die anderen inzwischen auch, aber wer hatte es zuerst?

Aber nicht nur technisch gab Canon den Weg vor. Auch die Bedienung von Spiegelreflexkameras, wie wir sie heute kennen, ist maßgeblich von Canon beeinflußt. Sieht man mal von den Profi-Modellen ab, bringt heute praktisch jede SLR das praktische Programmwahlrad mit. Eingeführt hat es Canon, als man sich bei der Konkurrenz noch mit elend vielen, oft mehrfach belegten Knöpfen abmühen mußte. Die oben erwähnte Canon EOS 50E ist bis heute ein Vorbild an Ergonomie und durchdachter, einfacher Bedienbarkeit.

Der Erfolg gab Canon recht. Nachdem sie in den Jahrzehnten zuvor eigentlich der ewige Zweite hinter Nikon waren (also quasi das Bayer 04 Leverkusen der Fotoindustrie) konnte Canon sich absezten und den anderen die lange Nase zeigen. Marktanteile von über 50% im SLR-Markt. Nikon hatte nur im Profisegment mit der F5 etwas entgegen zu setzten. Der Rest war Schweigen.

Und heute? Canon ist immer noch deutlicher Marktführer, das hat man aus der analogen Zeiten ins digitale Zeitalter hinüber gerettet. Aber technologische Führerschaft? Der letzte geniale Schachzug bestand darin, bei den Sensoren statt CCD auf CMOS zu setzten. CMOS-Sensoren galten damals im Vergleich als preiswert aber minderwertig. Canon gelang es, die eigenen CMOS so aufzubohren, dass sie a) billiger und b) besser als CCD-Sensoren waren und damit digitale Spiegelreflexkameras mit großen Sensoren erst bezahlbar machten. Aber das ist auch schon eine Weile her.

Inzwischen habe ich den Eindruck, dass sich Canon darauf beschränkt, sich auf den eigenen Lorbeeren auszuruhen. Wenn die Konkurrenz was interessantes hat, wird es adaptiert. Aber bloss nicht selbst bewegen. Live View hatte Olympus und Panasonic als Erstes. Als Canon es adaptiert hatte, hatten die anderen schon den Autofokus im LiveView-Modus. Und bewegliche Displays. Und selbstreinigende Sensoren und und und. Okay, nicht alles was ausprobiert wird, ist der Weißheit letzter Schluß und verschwindet nach einiger Zeit. Aber das gehört dazu. Von Canons augengesteuerten Autofokus hat man auch seit 10 Jahren nix mehr gehört. Aber man muß auch mal was probieren. Aber Canon probiert nichts mehr. Weder bei der Technik noch bei den Gehäusen. Canon EOS 350D, 400D, 450D und 500D, Canon 10D, 20D, 30D, 40D, 50D, Canon 5D, 5D Mark II, Canon 1D(s) Mark I, II, III. Canon hat vier Linien und in jeder Linie sieht jede Kamera genau wie ihre Vorgängerin aus. Langweilig. Abseits von irgendwelchen rationalen Überlegungen („ist besser als…) kommt bei mir da kein Gefühl des „haben wollens“ auf. Die letzte Kamera, bei der ich dieses Bauchgefühl des „haben wollens“ hatte, war die Olympus 320 inkl. 50mm 2,8 Pancake Objektiv. Eine kleine ästhetische  Immerdabei-Kamera. Und das, obwohl ich eigentlich eher große Kameras mag und nix für das 4/3-System übrig habe. Kleine Canons sind einfach nur öde. Oder die neue PEN-Kamera von Olympus. Warum kommt sowas nicht mal von Canon?

Es fällt mir schwer es zu sagen, aber wenn ich heute nochmal neu anfagen würde, ich weiß nicht, ob ich wieder Canon wählen würde. Technische Vorsprünge, wie in den 90er wird es nicht mehr geben. Wenn heute einer vorlegt, ziehen die nach. Bei den einzelnen Marken herrscht annährend Gleichstand auf hohen Niveau. Inzwischen baut sogar Pentax attraktive Kameras. Vielleicht ist Canon immer noch eine Kleinigkeit besser, vielleicht auch Nikon. Aber, leider, leider, Canon-Kameras sind nicht sexy. Sie sind langweilig. Bitte Canon, seid wieder kreativ. Macht wieder was Neues. Überrascht mich. Seid sexy.

[Nachtrag]

Momentan sind in verschiedenen Medien Gerüchte über eine neue Canon EOS 7D aufgetaucht (Techfieber, Heise, Chip (mit einer schlechten Fotomontage einer alten Canon EOS D30 als angebliche neue Canon EOS 60D)).

Demnach wäre das ganze eine 18 MP-Kamera mit APS-C Sensor, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass sie 8 Bilder pro Sekunde aufnimmt. Liest sich für mich wie eine Aufgebohrte EOS 50D.  Preislich soll sie etwas unter der EOS 5D Mark liegen. Und natürlich wieder im Canon-Einheitslook.

Mit diesen technischen Daten würde die 7D natürlich im Bereich der Canon EOS 1D Mark III wildern, die bei deutlich weniger Auflösung auch nur zwei Bilder pro Sekunde mehr macht. Mit der Positionierung der Canon 5 D Mark II und der 7 D (wenn sie denn kommt) wird es spannend, was den die nächsten Generationen der 1er bringen werden.

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*Eigentlich wurde das E-TTL-System sogar 1995 mit der EOS 50E eingeführt. Aber mit der EOS 3 kam als zweiter E-TTL-Blitz das Speedlite 550 EX, dass erstmalig als Master- und als Slave-Blitz eingesetzt werden konnte.

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